Wettlauf um Virenkiller
Wie mühsam die Entwicklung eines Medikaments ist, zeigt das Grippemittel Tamiflu, das bald in unsere Apotheken kommt. Ein tückisches Virus sowie fehlende Testpersonen halten die Forscher in Atem. Und die Konkurrenz schläft nie.
Wer die Kapsel öffnet, statt sie zu schlucken, wird enttäuscht: weißes Pulver halt, wie Waschpulver. Kein Hinweis, wie diese Prise es schafft, die Grippe zu heilen, keine Andeutung, woher ihr Rohstoff kam und auf welch verschlungenen Pfaden er zum Wirkstoff wurde. Nur wer den Kilopreis ausrechnet, merkt, dass er eine besondere Substanz vor sich hat: viermal teurer als Gold.
Die Geschichte des Medikaments Tamiflu, das in den nächsten Wochen in der EU auf den Markt kommen soll, in den USA und der Schweiz bereits verkauft wird, begann vor fast zehn Jahren in Los Angeles, am 14. Oktober 1992. Auf einem Infektiologiekongress stöberte dort Norbert Bischofberger, Forschungschef der kleinen Bio-Tech-Firma Gilead in Foster City bei San Francisco, nach neuen Ideen. Er schlenderte an Plakatwänden vorbei, auf denen Forschungsgruppen unveröffentlichte Studien präsentierten. Vor einem Plakat blieb er lange stehen. An der Monash University in Parkville, Australien, war ein Molekül entdeckt worden, das die Verbreitung des Grippevirus in Mäusen stoppte. Eine kleine Firma hatte die Forschung unterstützt und sich mit dem britischen Pharmariesen Glaxo verbündet, der den Stoff GG167 weiterentwickeln und vermarkten wollte. Bischofberger war beeindruckt, doch irgendetwas störte ihn. Er konnte allerdings noch nicht sagen, was es war.
Der Grippe war bis dahin noch keine Chemie gewachsen. Neben der Impfung, die jedes Jahr mit anderem Stoff wiederholt werden muss und die nicht immer schützt, gab es nur zwei Präparate: Amantadin und Rimantadin. Beide hatten starke Nebenwirkungen und konnten nur einen von zwei Grippetypen in Schach halten. Zudem wurden die Grippeviren innerhalb weniger Tage resistent.
Was viele schlucken, wenn sie im Winter Fieber und Gliederschmerzen bekommen, sind meist keine Grippemedikamente. Die Pülverchen, Tropfen und Pillen bekämpfen Symptome oder Begleitinfektionen, nicht aber das Virus selbst. Dass trotzdem viel von Grippemitteln die Rede ist, hat mit der diffusen Krankheitsdefinition zu tun: Im Volksmund ist "Grippe" eine Mischung aus Fieber, Halsweh, Schnupfen und Gliederschmerzen. Mediziner hingegen meinen mit "Grippe" die Infektion mit dem Influenzavirus, nicht aber Erkältungen, Katarrh oder Bronchitis. Die werden durch so genannte Adenoviren ausgelöst, von denen Hunderte existieren. Da ähnliche Symptome all diese Leiden begleiten und sie oft zusammen auftreten, ist es selbst für Ärzte schwierig, sie auseinander zu halten - ein Problem, das Bischofberger und seinen Kollegen noch Kopfzerbrechen bereiten sollte.
Dass sich ein gutes Influenzamedikament verkaufen ließe, bezweifelte in der Pharmabranche niemand. Allein in den USA, Japan und Westeuropa erkranken jedes Jahr rund 100 Millionen Menschen an einer Grippe. Harmlos ist sie nicht: In den USA sterben jährlich 20 000 meist ältere Leute daran. "Das sind mehr Menschen, als Aids zum Opfer fallen", sagt Bischofberger. Und etwa alle zwanzig Jahre bricht eine besonders tückische Grippe aus. Die bisher schlimmste, die "spanische Grippe", tötete im Winter 1918/19 über 20 Millionen Menschen. Ein solch gefährliches Grippevirus kann jederzeit wieder entstehen und sich im Tempo der Passagierjets global verbreiten. Jedes Land unterhält ein Überwachungsnetz und Katastrophenpläne, denn der passende Impfstoff wäre nicht rechtzeitig und ausreichend verfügbar.
Bei solchen Marktaussichten hätte die Pharmaindustrie eigentlich alle Hebel in Bewegung setzen müssen. Doch lange Zeit suchten nur wenige ernsthaft nach einem Grippemittel, und Bischofberger wusste, warum. "Wenn man überhaupt keine Ahnung hat, wie man das Problem angehen soll, ist es wahrscheinlich eine schlechte Idee, viel Geld in seine Lösung zu stecken." Das Virus ließ sich nicht packen, weil es sich ständig veränderte.
Unser Immunsystem bekämpft Krankheitserreger, indem es spezialisierte Zellen für deren Zerstörung erzeugt. Diese sorgen später für Immunität, da bei jeder erneuten Ansteckung der Eindringling schon bekannt ist. Deshalb bekommt man meist nur einmal im Leben Masern oder Röteln. Die Oberfläche der Grippeviren sieht jedoch jedes Jahr anders aus, sodass das Immunsystem sie nicht wiedererkennt. Die Pharmazeuten standen also vor einem Problem, das in Tausenden Jahren der Evolution selbst vom Immunsystem nicht hatte gelöst werden können: einen Feind besiegen, der ständig in anderer Gestalt wiederkommt.
Wie jedes Virus kann sich auch der Grippeerreger nicht selbst vermehren. Es muss in eine Körperzelle eindringen und ihr befehlen, nach seinem Vorbild neue Viren herzustellen. Diese verlassen die Wirtszelle, zerstören sie dabei und wiederholen ihr Spiel. Die Oberfläche der Wirtszellen ist jedoch mit Sialinsäure bedeckt. An ihr bleiben die Viren kleben. Sie kommen nur los, weil auf ihrer Oberfläche ein Enzym sitzt, das die klebrige Sialinsäure auflöst. Das Enzym namens Neuraminidase wurde zum Schlüssel im Kampf gegen die Grippe.
Das Grippevirus maskiert sich jedes Jahr mit neuen Variationen der Neuraminidase, und auch ein weiteres Molekül auf seiner Oberfläche verändert sich ständig. Australische Wissenschaftler entschlüsselten 1983 den komplexen räumlichen Aufbau des Neuraminidase-Moleküls. Sie sahen, wie sich seine Oberfläche mit jeder Grippesaison veränderte, sie fanden aber auch eine Stelle, die immer gleich aussah: eine tiefe Spalte, in der offenbar die Sialinsäure aufgelöst wurde.
Besser schlucken oder inhalieren?
Diese Spalte war die Achillesferse des Virus. Wenn es gelänge, sie mit einem anderen Stoff zu stopfen, dann würde die Sialinsäure nicht aufgelöst, die Viren blieben an der Wirtszelle kleben. Genau einen solchen Stoff hatten die australischen Forscher an Mäusen getestet. Bischofberger studierte die Resultate auf dem Plakat und dachte, das Molekül GG167 könnte tatsächlich zum ersten wirksamen Grippemedikament werden. Dann merkte er, was ihn gestört hatte: Wegen seiner empfindlichen Struktur dürfte GG167 nicht geschluckt werden, es würde so nicht ins Blut gelangen. Es musste inhaliert werden. Die Wissenschaftler von Glaxo sahen das als Vorteil, schließlich befallen die Viren vor allem Rachen und Lunge. Bischofberger war anderer Meinung: Die Leute würden ein Grippemittel lieber schlucken als inhalieren. Und er wollte dafür sorgen, dass sie etwas zu schlucken bekommen.
Kurze Zeit später arbeiteten bei Gilead bereits zehn Leute am Grippeprojekt. Ein Molekül zu finden, das irgendwie in die Spalte der Neuraminidase passt, ist im Grunde einfach. "Das ist eine Prüfungsaufgabe für Chemiestudenten", sagt Bischofberger. Doch ein Molekül, das als Medikament Karriere macht, muss viele andere Bedingungen erfüllen: ungiftig sein, aber so potent, dass es als kleine Pille wirkt; es darf nur die Neuraminidase der Grippeviren blockieren, aber nicht andere Enzyme. Und der Körper darf es nicht zu schnell abbauen.
Chemiker, Biologen und Computerspezialisten von Gilead suchten nach einem solchen Stoff. Die Computerleute entwarfen am Bildschirm Moleküle, die sich möglichst gut in der Spalte der Neuraminidase versenken ließen. Hatten sie ein vielversprechendes Molekül gefunden, versuchten die Chemiker, es im Labor herzustellen. Sobald diese einige Milligramm des Stoffs zusammenhatten, testeten die Biologen im Reagenzglas, ob er die Neuraminidase wirklich blockierte und in Gewebekulturen die Vermehrung von Grippeviren verhinderte. Meist tat es das nicht oder nur schwach. Etwa 600 Substanzen wurden so geprüft, 50 waren aussichtsvoll genug, um ihre Wirkung an Tieren zu testen. Gegen Ende 1995 schien ein Molekül aus 44 Atomen alle Bedingungen zu erfüllen.
Mit Tricks durch den Darm
Doch als die Gilead-Forscher die Substanz an Mäuse verfütterten, gelangte diese nicht bis ins Blut. Auch sie hätte inhaliert werden müssen, was Bischofberger jedoch partout nicht wollte. Dann fanden die Chemiker eine pfiffige Lösung: Sie schützten die Substanz durch einen harmlosen Zusatz so, dass sie durch Magen und Darm ins Blut gelangt. Und im Blut wird dieser Zusatz rasch abgespalten. Das neue Molekül hieß GS4104.
Gilead hatte in drei Jahren einen Stoff entwickelt, der in Mäusen das Grippevirus erfolgreich bekämpft. Da Mäuse nicht Grippesymptome zeigen wie Menschen, wurde der neue Stoff auch an Frettchen, einer Zuchtform des Iltis, getestet. Sie niesen bei einer Influenzainfektion, husten und bekommen glasige Augen. Der Stoff wirkte. Eine gute Nachricht für grippekranke Frettchen. Aber auch für Menschen? Bischofberger wusste: Das zu prüfen würde ein Vermögen kosten. Die Entwicklung eines Medikaments erfordert 250 bis 500 Millionen Euro. Genauere Zahlen verraten die Hersteller nicht. Etwa zwei Drittel der Kosten entfallen auf die klinischen Tests am Menschen. Es war Zeit, einen Partner zu suchen.
Im Januar 1996 begann Gilead Lizenzverhandlungen, unter anderem mit dem Basler Pharmakonzern Roche. Dieser hatte sich gerade auf die Fahnen geschrieben, in zehn Jahren Marktführer zu werden bei Medikamenten gegen Viruskrankheiten. Da passte ein Grippemittel perfekt. Trotzdem dauerten die Verhandlungen Monate. Eine kleine Expertengruppe versuchte bei Roche, das finanzielle Risiko genau abzuschätzen. Lässt sich das Molekül patentieren? Waren die Resultate aus den Tierversuchen auf Menschen übertragbar? Was kostet die Herstellung von GS4104 in großen Mengen? Wie viel würden Grippepatienten dafür zahlen? Marktforscher schwärmten aus und kamen zurück mit der Schätzung: "Fünfzig Dollar."
Erst Ende September 1996 wurden Roche und Gilead handelseinig. Roche sicherte sich die Lizenzrechte an GS4104. Gilead erhielt dafür sofort zehn Millionen Dollar, die Garantie für weitere vierzig Millionen nach Erreichen bestimmter Ziele bei der weiteren Entwicklung und später eine Gewinnbeteiligung in ungenannter Höhe.
Nun begann das Wettrennen, wer zuerst am Markt sein würde. Glaxo, mittlerweile mit Wellcome fusioniert, testete seinen Stoff schon an Menschen. Wollte Roche den Vorsprung einholen, musste jetzt schnell genügend GS4104 für die eigenen Tests produziert werden. Mit dem ursprünglichen Verfahren hatten die Chemiker von Gilead noch nicht einmal hundert Gramm geschafft.
So einfach GS4104 auf dem Papier aussah, so schwierig war es herzustellen. Bei den zwölf Syntheseschritten vom Rohmaterial zum Endprodukt hatte Gilead seltene und giftige Chemikalien verwendet, auch Azide, die zur Explosion neigten.
Sieben Tage nach dem Vertragsabschluss, am 7. Oktober 1996, flog Martin Karpf nach San Francisco. Karpf war Chemiker bei Roche und wusste, dass die effiziente Herstellung eines neuen Stoffs zunächst oft schier unmöglich erscheint. Als er an der Synthese von Xenical arbeitete, hatten ihm Kollegen deswegen geraten, die Finger davon zu lassen. "Heute machen wir es tonnenweise."
Gilead hatte nur kleine Mengen GS4104 gebraucht. Ob ein Rohstoff teuer war, ein Verfahrensschritt umständlich oder gefährlich, spielte kaum eine Rolle. Hauptsache, es ging schnell. Doch für klinische Tests würde man den Stoff kiloweise, für die Markteinführung tonnenweise brauchen. Und da gab es ein Problem: Als Rohstoff hatten die Gilead-Chemiker Chinasäure benutzt, ein Nebenprodukt bei der Gewinnung von Chinin (für Tonic-Wasser) aus Chinarinde. Doch für eine Großproduktion gab es weltweit nicht genug Chinasäure. Überdies kam sie aus dem politisch instabilen Zentralafrika, was zu Lieferproblemen führen könnte.
Wegen des Zeitdrucks verfolgten Karpf und Mitarbeiter eine Doppelstrategie: Für die Tests würden sie das Medikament noch aus Chinasäure gewinnen, gleichzeitig aber eine neue Synthese entwickeln auf der Basis von Shikimisäure. Der neue Rohstoff galt zwar als sehr teuer, erforderte jedoch einen Syntheseschritt weniger bis zum GS4104. Bald fanden Logistiker von Roche einen Weg, Shikimisäure in größeren Mengen günstiger aus China zu beziehen. Sie würde sich später auch von gentechnisch veränderten Bakterien herstellen lassen.
Am 1. November 1996 begannen in der Roche-Niederlassung in Welwyn, England, die Vorarbeiten für klinische Tests von GS4104. Wie alle neuen Medikamente musste auch GS4104 drei klinische Studienphasen durchlaufen: In Phase I wird an einer kleinen Gruppe gesunder Menschen getestet, ob es unerwartete Nebenwirkungen gibt und in welchem Bereich die beste Dosierung liegt. In Phase II bekommt eine kleine Gruppe Grippekranker das Medikament. Phase III ist der Test unter realistischen Bedingungen an Hunderten Kranken. Normalerweise dauern die drei Phasen sieben Jahre. Mit Blick auf Glaxo Wellcome, deren Stoff bereits die Phase II durchlaufen hatte, setzte Roche die Markteinführung von GS4104 kühn für 2000 an. Das ließ ganze drei Jahre für die klinischen Studien und das Bewilligungsverfahren, das in der Regel allein etwa ein Jahr dauert.
In Welwyn waren Penny Ward und ihr Team für den Aufbau der Studien zuständig. Sie bestimmten, wie und vor allem mit wie vielen Menschen die Studien durchgeführt würden. Als wichtigstes Ziel galt die Zulassung in den USA, dem größten potenziellen Markt. Dort eingereichte Unterlagen würden mit einigen Anpassungen auch in den meisten anderen Ländern akzeptiert.
Bei den zugelassenen Medikamenten Amantadin und Rimantadin hatte die amerikanische Zulassungsbehörde FDA eine Verkürzung der Grippe um mindestens einen Tag gefordert. Auch der Wirkstoff von Glaxo Wellcome, inzwischen Zanamivir getauft, musste diese Bedingung erfüllen. Die FDA wollte auch wissen, wie Roche die Dauer der Erkrankung und ihre Stärke messen würde. "Grippe ist eine subjektive Krankheit", sagt Penny Ward, "selbst wenn zwei gleich stark infiziert sind, kann es dem einen gut gehen und dem anderen lausig."
Penny Ward ließ Grippeexperten aus aller Welt nach England kommen; sie sollten das Krankheitsbild möglichst präzis beschreiben. Nach einer langen Sitzung entschieden sie sich für eine exakt definierte Mischung aus 14 Symptomen wie Fieber, Gelenkschmerzen, Husten, Halsweh, Schnupfen und Müdigkeit. Ward wusste, dass eine präzise Diagnose nach Symptomen entscheidend war für den Erfolg der Studien. Denn letztlich würden die Versuchsteilnehmer danach ausgewählt und dabei echt Grippekranke unterschieden von jenen, die bloß an einer Erkältung litten. Da GS4104 nur gegen das Influenzavirus wirkt, würde jeder nicht wirklich grippekranke Versuchsteilnehmer in die Statistik eingehen als Patient, bei dem das Medikament nicht gewirkt hatte. Wirklich zuverlässig waren Grippeviren nur im Labor nachweisbar. Doch bis die Analyse vorliegt, ist die Grippe vorbei.
Für die Phase I war das noch kein Problem. Am 11. März 1997 schluckte der erste Mensch zehn Milligramm GS4104, einen Stoff, den es in der Natur nicht gab und den noch nie jemand eingenommen hatte. An den ersten acht Probanden wurde beobachtet, wie das Zeug ins Blut ging und wieder ausgeschieden wurde. Da keine Nebenwirkungen aufgetaucht waren, bekam die nächste Gruppe eine höhere Dosis verabreicht. Die Menge wurde gesteigert bis zur vorgesehenen normalen Dosis von 50 bis 100 Milligramm und darüber hinaus. Man musste wissen, wie der Körper auf eine Überdosis reagiert. Alles verlief nach Plan: GS4104 wurde vom Körper gut aufgenommen und hatte keine unerwarteten Nebenwirkungen. Gilead erhielt die erste Rate der erfolgsabhängigen 40 Millionen Dollar. Phase II konnte beginnen.
Für die Premiere fehlten die Viren
Nun mussten die Versuchspersonen krank sein, denn es galt, zu testen, ob und in welcher Dosis das Medikament wirkt. Doch es war Mai, weit und breit keine Grippe. Penny Ward fand Freiwillige, die sich mit einem schwachen Grippevirus infizieren ließen, ein übliches Verfahren. Am 29. Mai wurden 117 Testpersonen Wattebäusche in die Nase gesteckt, die mit dem Virus A/Texas/36/91 getränkt waren. 28 Stunden später begannen 80 von ihnen GS4104 in verschiedenen Dosen zu schlucken. Die anderen 37 hatten mit der Einnahme bereits 26 Stunden vor der Infektion begonnen. An ihnen wollte man prüfen, ob GS4104 zur Vorbeugung taugt. Zum ersten Mal zeigte sich die Heilwirkung an Menschen: Die Symptome waren nach durchschnittlich 53 Stunden abgeklungen, ohne Behandlung dauerte die Krankheit 95 Stunden. Jetzt musste nur noch die Phase III klappen: der Test an Hunderten normal Grippekranker. Ein logistischer Albtraum.
Ein Problem war, dass die Therapie mit GS4104 innerhalb von 48 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome einsetzen musste. Sonst würde das Medikament nicht mehr helfen. Doch die meisten Leute rennen nicht beim ersten Grippegefühl zum Arzt. Es würde also sehr schwierig, genügend Versuchsteilnehmer zu finden.
Wer ein Medikament gegen klassische Leiden wie Arthritis oder Neurodermitis entwickelt, findet in spezialisierten Kliniken leicht Testpersonen. Doch die Grippe überzieht die Nordhalbkugel jeden Winter in einer Welle, die an verschiedenen Orten beginnt, einmal spät in Finnland, dann wieder früh in Alaska. Mal überspringt sie die großen Städte, dann wieder bricht sie in London und Paris gleichzeitig aus. Um auf jedes Szenario vorbereitet zu sein, rekrutierte man weltweit über 300 Ärzte, die das Medikament an ihren Patienten testen sollten, falls die Grippe vorbeikäme. Obwohl nur wenige aktiv würden, musste jeder Arzt mit Labormaterial und Formularen ausgerüstet und in der Diagnose ausgebildet werden. Und diese Diagnose bereitete immer noch Sorgen. Zwar hatten die Experten einen genauen Katalog von Symptomen erstellt, doch selbst sie bezweifelten, dass Ärzte allein damit eine Grippe sauber von einer Erkältung unterscheiden könnten. Manche warnten, "dass nicht mehr als 30 Prozent der ausgewählten Probanden wirklich eine Grippe haben würden".
Das hätte die Studie zu Fall gebracht. Also wurde eine zweite Sicherung eingebaut, nämlich Testpersonen nur in Regionen mit gesichertem Grippeausbruch zu rekrutieren. Wer dort zum Doktor ging, war mit hoher Wahrscheinlichkeit auch wirklich vergrippt. Das erforderte aber genaue Daten über die Virusaktivität in einzelnen Ländern. Und die Erhebungen der meisten Gesundheitsbehörden waren für den Test nicht aktuell genug.
"Die Grippe ist eine schnelle Krankheit", sagt Penny Ward. Eine Grippewelle dauert in einer Region nur etwa sechs Wochen. Um möglichst viele Versuchspersonen zu rekrutieren, musste man also früh beginnen. Deshalb unterstützte Roche die offiziellen Frühwarnsysteme und ergänzte sie durch ein eigenes: Ein Teil der aufgebotenen 300 Ärzte ließ bei Grippeverdacht Rachenabstriche ihrer Patienten auf die Viren untersuchen. Hatte der Zulauf von Patienten mit Symptomen einen bestimmten Wert erreicht und wurden pro Woche zwei positive Proben im Umkreis von zehn Meilen gefunden, griff der Alarmplan. Dann erhielten die Ärzte in der Region innerhalb von 24 Stunden GS4104 aus einem Depot, das Roche in jedem Land angelegt hatte. Diese Logistik war notwendig, weil es so wenig von dem Medikament gab.
Am 1. November 1997 begann das Warten. Die Chemiker hatten zwanzig Kilo Wirkstoff hergestellt, das Frühwarnsystem war aktiviert, die Ärzte standen bereit. Am 25. November deuteten Daten aus Vancouver auf einen Grippeausbruch hin. Die Region wurde aktiviert. Doch die Grippe verbreitete sich nicht. Zum Schluss war in Vancouver eine einzige Person mit dem neuen Medikament behandelt worden. Im ganzen Dezember kein weiterer Alarm. Auch der Januar verlief grippefrei, Wards Team begann um die Studie zu fürchten. "Wir mussten unsere Versuchspersonen zusammenkratzen." Am 15. April wurde die 1355. und letzte Person rekrutiert - weniger, als sich die Statistiker gewünscht hätten. Die Grippe des Winters 1997/98 war nicht nur spät dran, sondern auch mild.
Für jede Testperson traf ein Datensatz in England ein mit dem Fieberverlauf, Symptomen wie Husten und Schnupfen sowie Fragebogen über das Befinden. Die Spannung wuchs. Von fünf Medikamenten, die klinische Studien durchlaufen, wird durchschnittlich nur eines zugelassen. Wenn GS4104 zu den Verlierern gehörte, wären Hunderte Millionen Schweizer Franken verloren.
Damit die Wirkung von GS4104 sauber erfasst wurde, musste die Studie doppelblind verlaufen. Deshalb bekam ein Teil der Versuchspersonen anstelle des Medikaments eine gleich aussehende Kapsel ohne Wirkstoff (Placebo). Weder Patient noch Arzt wussten, ob sie es mit dem Medikament oder mit dem Placebo zu tun hatten. Diese Prozedur war nötig, da es vielen Menschen allein dadurch besser geht, dass sie eine Pille bekommen, egal ob darin ein Wirkstoff ist oder nicht. Bei der Datenbereinigung in England wussten auch die Roche-Leute nicht, wer das Medikament bekommen hatte und wer Placebo. Anhand der Analysen der Rachenabstriche wussten sie aber, dass sich ihre Diagnose samt Frühwarnsystem bewährt hatte: Siebzig Prozent der Versuchspersonen hatten tatsächlich Grippe.
Am 21. Juni 1998 waren alle Daten erfasst. Dem Computer wurde die geheime Liste eingefüttert mit der Zuordnung von Placebo und Wirkstoff. Einige Tage später kamen die Resultate. Das Medikament funktionierte! Wer es geschluckt hatte, bei dem war die Grippe etwa eineinhalb Tage früher abgeklungen, vorausgesetzt, er hatte die Arznei innerhalb von 36 Stunden nach Auftreten der Symptome eingenommen. Die Bedingung der FDA war erfüllt.
GS4104 bekommt einen Namen
Am 24. März 1999 reichte Roche bei der FDA das Zulassungsgesuch ein. Sieben Wochen später fuhr ein Lastwagen mit 261 Ordnern von Basel nach Bern, um dort bei der Kontrollstelle für Heilmittel die Zulassung für die Schweiz zu beantragen. Nur eines fehlte: GS4104 hatte noch keinen Markennamen, unter dem es verkauft wird. Danach suchte Roche schon seit zwei Jahren: Man hatte aus einer ersten Liste mit über tausend Namen fünfzig ausgewählt und Marktforschern übergeben. Einen Monat vor Einreichung des Zulassungsgesuchs bei der FDA glaubte man, fündig geworden zu sein. Doch eine Firma mit ähnlichem Namen erhob Einspruch, und Roche musste im Sommer 1999 auf den Ersatznamen Tamiflu zurückgreifen.
Am 24. September 1999, rechtzeitig vor dem Start der Grippesaison, erhielt Tamiflu die Zulassung in der Schweiz, vier Wochen später in den USA. Fast sieben Jahre waren vergangen, seit Bischofberger die Entwicklung des Grippemittels angestoßen hatte, eine ungewöhnlich kurze Zeit. Der Wirkstoff von Glaxo Wellcome hieß inzwischen Relenza und hatte die Zulassung in der Schweiz drei Monate zuvor erhalten.
Am 1. Oktober 1999 boten die Schweizer Apotheker erstmals Tamiflu an. Bloß wusste das fast niemand. Wie jedes Medikament mit neuem Wirkstoff ist Tamiflu die ersten fünf Jahre nur gegen Rezept erhältlich. Und für rezeptpflichtige Medikamente darf in der Schweiz, ebenso wie in Deutschland, nicht geworben werden. Das stellte das Marketing von Roche vor ein großes Problem, denn wer nicht weiß, dass es ein neues Medikament gibt, der geht mit Fieber und Gliederschmerzen nicht zum Doktor. "Man hatte den Leuten 70 Jahre lang gesagt: Wenn du eine Grippe hast, bleibst du im Bett", sagt Mathias Dick, Product Manager für Roche Pharma Schweiz. "Jetzt mussten wir die Leute zum Arzt bringen."
Dick überschwemmte die Schweiz mit 5,4 Millionen Merkzetteln, die den Unterschied zwischen einer Grippe und einer Erkältung erklärten, eine Telefonnummer für Beratung und eine Internet-Adresse enthielten. Die Kontrollstelle für Heilmittel verbot Roche, mit dem Namen Tamiflu in der Internet-Adresse zu werben. Ärzte und Apotheker wurden mit einer Informationstournee auf Tamiflu aufmerksam gemacht. Journalisten aus der Schweiz reisten zu einer Pressekonferenz nach London. Dort referierten Professoren, wie Tamiflu wirkt, über Gefahren der Grippe und ihre volkswirtschaftlichen Schäden.
Die Reaktionen waren gemischt. "Die neuen Medikamente gegen Grippe wirken Wunder", jubelte eine Illustrierte. Zeitungen kritisierten, Tamiflu könne zwar für alte Leute oder HIV-Infizierte sinnvoll sein, auch bei einer Pandemie, ansonsten sei es eine "Grippemedizin, die kaum nützt". Ärzte befürchteten, das Präparat könnte die Leute von der Impfung abhalten - der billigsten Art der Grippebekämpfung. Zudem empfanden viele den Nutzen von Tamiflu im Verhältnis zum Preis (rund 60 Euro) als gering. Insbesondere wenn bei drei von zehn Patienten fälschlicherweise eine Grippe diagnostiziert wurde - und damit der Tamiflu-Einsatz für die Katz war.
Unabhängig von der ungewöhnlichen Entstehung, der erstaunlichen Fähigkeit, die Verbreitung des Virus zu stoppen, und der schwierigen Herstellung, wird Tamiflu von Ärzten und Patienten überwiegend nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis beurteilt. Die Schweizer Krankenkassen übernehmen die Grippemittel nicht. "Die Verkürzung der Grippedauer um einen Tag scheint nicht viel zu sein", sagt Penny Ward. "Doch wenn man an dem Tag auf Hochzeitsreise geht, dann ist er sehr wertvoll." Bloß: Man geht nicht jeden Tag auf Hochzeitsreise.
Weil Tamiflu sich nur gut verkaufen wird, wenn die Leute ihr Verhalten ändern, rechnet Dick damit, dass die Markteinführung deutlich länger dauern wird als normal, "fünf bis zehn Jahre". Ob Tamiflu zum Verkaufsrenner wird, hängt von vielem ab: Wie stark sind die Grippewellen? Wird sich die Grippe mit Schnelltests besser diagnostizieren lassen? Kommt eine Pandemie? Welche Konkurrenzprodukte gelangen auf den Markt? Glaxo Wellcome hat bereits die Entwicklung eines neuen Grippemedikaments angekündigt, auch Johnson & Johnson will demnächst ein Mittel anbieten.
In der vergangenen Woche empfahl der europäische Ausschuss für Arzneimittelspezialitäten die Zulassung für Tamiflu. In der Regel folgt dann innerhalb dreier Monate die behördliche Zulassung für die EU. Wie viel das Medikament in Deutschland kosten wird, steht noch nicht fest, der Preis dürfte auf Schweizer Niveau liegen.
Im Moment hat Roche die Nase vorn. Relenza von Glaxo Wellcome hat weniger Erfolg: Der Marktanteil von Tamiflu beträgt inzwischen 90 Prozent. Offenbar ziehen die Leute das Pillenschlucken dem Inhalieren vor.
Bischofberger hatte den richtigen Riecher.